Hochsensibel UND hochbegabt, zwei Seiten einer Medaille? (1)

Aktualisiert: 14. März 2019

An dieser Stelle gehen die Meinungen weit auseinander. Ein Autor schreibt dies und bringt vermeintliche Beweise für seine These an, der andere schreibt etwas völlig anderes und „beweist“ das auch. Und was stimmt denn nun?

Fakt ist, dass diese Frage noch nicht wissenschaftlich untersucht wurde, so dass wir uns hier nicht auf irgendwelche Studien berufen könnten. Wir können, wie bei so vielen anderen Dingen auch, nur genau lesen. Zum Beispiel Bücher über Hochsensibilität und Bücher über Hochbegabung. Und dann unsere Schlüsse ziehen. Dabei ist das Problem, dass nicht alle dieselben Bücher lesen, jeder aus seiner persönlichen Perspektive liest und jeder – ob uns das bewusst ist oder nicht – Alltagstheorien über das eine oder andere im Kopf hat, nach denen wir Gelesenes wahrnehmen oder eben nicht.


Erst kürzlich las ich in einem Bericht einer renommierten Online-Zeitschrift eine Anmerkung, die in diesem Zusammenhang immer wieder als „Beweis“ angebracht wird, dass Hochsensibilität und Hochbegabung nicht dasselbe sein kann:


„Nach aktuellem Stand der Forschung sind aber nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung hoch­begabt – haben also einen Intelligenzquotienten von 130 oder höher –, während sich rund 20 Prozent der Menschen als "ziemlich" oder "extrem sensibel" bezeichnen.“*

Diese Aussage ist sachlich falsch! Denn es ist nicht „Stand der Forschung“, dass nur etwa 2% der Bevölkerung hochbegabt sind, sondern „Stand der Statistik“. Diese 2% sind nicht etwa aus Forschungsergebnissen entstanden, sondern sie sind ein rein statistischer Wert, der mit Forschung über Hochbegabung nicht das Geringste zu tun hat.

In den 1930er Jahren wurde ein IQ von 130 als „hinlänglich ausreichend“ befunden, um von einer sehr hohen Begabung zu sprechen. Der Begriff „Hochbegabung“ findet erst seit den 1960er Jahren dafür Verwendung. Als „hochbegabt“ werden also Menschen bezeichnet, bei denen ein IQ von mindestens 130 mit einem standardisierten IQ-Test gemessen wurde.


Wenn wir aber Menschen irgendwie beschreiben, z. B. als freundlich, unfreundlich, sozial, schlau, liebevoll oder eben als hochbegabt oder hochsensibel, dann schreiben wir ihnen damit Eigenschaften zu oder assoziieren gar ganze Charaktere damit.

Das Konstrukt „Hochbegabung“ basiert auf einer rein quantitativen Messung (des IQ) und nicht etwa auf Persönlichkeitsmerkmalen. Das Konstrukt „Hochsensibilität“ von Elaine Aron ist aber eine rein qualitative Beschreibung und lebt ausschließlich von Persönlichkeitsmerkmalen, denn es gibt hier nichts, das man messen könnte.



Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer!


Denn auch „Hochbegabung“ assoziieren wir mit bestimmten Eigenschaften, die wir irgendwo gelesen oder gehört haben. Hier findet unbewusst und unwillkürlich eine Vermengung von Quantität (IQ) und Qualität (Eigenschaften) statt. Wir wissen alle, dass das Äpfel und Birnen sind und von daher ein Vergleich nicht zulässig und auch gar nicht möglich ist.


Doch auch in Begabungsforschung und Hochbegabtenpädagogik finden wir Beschreibungen, Angaben von Fachpersonen über Persönlichkeitsmerkmale dieser Menschen. Hier wären wir dann bei der Qualität. Diese Qualitäten beginnen aber nicht Schlag auf Punkt bei einem von Menschen gemachten, noch dazu willkürlich festgelegten Wert, denn Persönlichkeitsmerkmale unterwerfen sich nicht einem künstlichen theoretischen Konstrukt, sie sind natürlich.


Ich habe mich darauf verlegt, Qualität mit Qualität zu vergleichen – allein schon deswegen, weil es bei der Hochsensibilität ja keine Quantität gibt. Das heißt, dass ich mir die Persönlichkeits- eigenschaften von Menschen ansehe und miteinander vergleiche. Denn nur so vergleiche ich Äpfel mit Äpfeln. Und das will ich hier am Beispiel der Merkmallisten für Kinder einmal mit dir gemeinsam tun. Dazu habe ich zwei Standardwerke ausgesucht, eines über Hochsensibilität und eines über Hochbegabung.

Elaine Aron beschreibt in ihrem Buch „Das hochsensible Kind“ folgende Merkmale:


1. Erschrickt leicht

2. Hat eine empfindliche Haut, verträgt keine kratzenden Stoffe, keine Nähte in Socken oder Etiketten in T-Shirts

3. Mag keine großen Überraschungen

4. Profitiert beim Lernen eher durch sanfte Belehrung als harte Bestrafung

5. Scheint meine Gedanken lesen zu können

6. Hat einen für sein Alter ungewöhnlich gehobenen Wortschatz

7. Ist geruchsempfindlich, sogar bei sehr schwachen Gerüchen

8. Hat einen klugen Sinn für Humor

9. Scheint sehr einfühlsam zu sein

10. Kann nach einem aufregenden Tag schlecht einschlafen

11. Kommt schlecht mit großen Veränderungen klar

12. Findet nasse oder schmutzige Kleidung unangenehm

13. Stellt viele Fragen

14. Ist ein Perfektionist

15. Bemerkt, wenn andere unglücklich sind

16. Bevorzugt leise Spiele

17. Stellt tiefgründige Fragen, die nachdenklich stimmen

18. Ist sehr schmerzempfindlich

19. Ist lärmempfindlich

20. Registriert Details (Veränderungen in der Einrichtung oder im Erscheinungsbild eines Menschen)

21. Denkt über mögliche Gefahren nach, bevor es ein Risiko eingeht

22. Erzielt die beste Leistung, wenn keine Fremden dabei sind

23. Hat ein intensives Gefühlsleben


Wenn Sie dreizehn oder mehr der Aussagen mit „Ja“ beantwortet haben, ist ihr Kind wahrscheinlich hochsensibel. (Entnommen aus Aron „Das hochsensible Kind“)



James T. Webb beschreibt in seinem Buch „Hochbegabte Kinder“ folgendermaßen:


1. Zeigen bereits im Säuglingsalter eine ungewöhnliche Wachheit

2. Rasche Auffassungsgabe/schnelle Lerner, können Gedanken schnell miteinander verknüpfen

3. Können sich viele Informationen merken, haben ein ausgesprochen gutes Gedächtnis

4. Für ihr Alter verfügen sie über einen außergewöhnlich großen Wortschatz und können ungewöhnlich komplexe Sätze bilden

5. Können Feinheiten von Sprache, Metaphern und abstrakte Begriffe besser erfassen als andere Kinder ihres Alters

6. Lösen gerne Aufgaben mit Zahlen oder beschäftigen sich mit Puzzles

7. Verfügen bereits im Vorschulalter über Lese- und Schreibfertigkeiten, die sie sich weitgehend selbst beigebracht haben

8. Ungewöhnliche emotionale Tiefe; intensive Gefühle und Reaktionen; hochsensibel

9. Ihr Denken ist abstrakt, komplex, logisch und einsichtig

10. Zeigen schon früh Idealismus und Gerechtigkeitssinn

11. Setzen sich mit sozialen und politischen Fragen und Ungerechtigkeiten auseinander

12. Längere Aufmerksamkeitsspanne, Ausdauer und intensive Konzentration

13. Sind oft in die eigenen Gedanken versunken, neigen zum Tagträumen

14. Sind ungeduldig, wenn sie selbst oder andere etwas nicht hinbekommen oder langsam sind

15. Lernen Grundfertigkeiten schneller und brauchen dazu weniger Übung

16. Stellen bohrende Fragen, sind sehr wissbegierig, wollen den Dingen auf den Grund gehen

17. Breites Interessensspektrum, manchmal ist ihr Interesse jedoch in einem bestimmten Bereich ganz besonders ausgeprägt

18. Hochentwickelte Neugier und unerschöpfliches Fragenreservoir

19. Interesse am Experimentieren und daran, Dinge anders zu tun

20. Neigen dazu, Ideen oder Dinge in einer Weise miteinander zu verknüpfen, die ungewöhnlich ist oder nicht auf der Hand liegt (divergentes Denken)

21. Ausgeprägter und mitunter ungewöhnlicher Sinn für Humor, insbesondere bei Wortspielen

22. Haben das Bedürfnis, Dinge und Personen durch komplexe Spiele oder nach bestimmten Schemata anzuordnen

23. Imaginäre Spielkameraden (im Vorschulalter); lebhafte Vorstellung

Wenn Ihr Kind viele der Merkmale (…) aufweist, haben Sie höchstwahrscheinlich ein hochbegabtes Kind. (Entnommen aus Webb „Hochbegabte Kinder“)

Wenn du diese jeweils 23 Punkte nebeneinander legst, wirst du viele Gemeinsamkeiten feststellen. Teilweise wird in den Listen eine andere Semantik (Bedeutung, Inhalt eines Wortes, Satzes oder Textes) benutzt, das musst du berücksichtigen. Das liegt daran, dass Aron natürlich die „sensible Sicht“ auf die Dinge hat und Webb eher (aber nicht nur) die kognitive Seite beleuchtet. Aber wenn du das ein Mal gesehen hast, wird es dir immer deutlicher ins Auge springen.

Beginnen wir also mit dem Vergleich:








Du siehst also, die Merkmale sind identisch, bis auf den kognitiven Teil, den Aron ganz bewusst ausklammert und Webb deutlicher betont, weil es bei Hochbegabung nun mal um die kognitive Intelligenz geht. Dafür wiederholt sich in der Liste von Aron so einiges, bzw. beschreibt sie Einzelheiten der sensorischen Empfindsamkeit der 5 Sinne (taktile (zwei Mal), olfaktorische und akustische Empfindlichkeit), die Webb schlicht unter „hochsensibel“ zusammenfasst. Aber bei Aron geht es ja auch um die Sensibilität, warum sollte sie sich dabei mit Kognition beschäftigen? In den Texten allerdings, in denen Merkmale ja genauer beschrieben, erklärt und an Beispielen aufgezeigt werden, beschreiben beide (und andere!) die Aspekte des jeweils so gegensätzlich erscheinenden Konstrukts. Die Persönlichkeiten von Hochsensiblen und Hochbegabten sind also, bis auf ganz normale individuelle Ausprägungen, identisch. Und genau deshalb sollte man mit diesen Persönlichkeiten auch „identisch“, also gleich umgehen.



Ist ein IQ-Test also überflüssig?


Nein. IQ-Tests sind ein wichtiges und wesentliches Werkzeug in der Begabtenpädagogik. Sie dienen als "Beweis" für eine hohe Begabung und belegen damit die Notwendigkeit von entsprechender, adäquater Forderung. Sicher können Fachleute eine hohe Begabung grundsätzlich auch ohne IQ-Test erkennen, aber nicht, wo genau denn jetzt die Begabung liegt und wie hoch genau das vorhandene Potenzial ist. Zudem können sie - fachmännisch durchgeführt - noch viele weitere Hinweise geben. Aber dazu mehr in einem anderen Artikel...



Ob du dich selbst, dein Kind, deinen Partner oder andere also als hochsensibel oder hochbegabt erkannt (getestet) hast: Es ist immer ratsam und hilfreich, sich mit beiden Konstrukten zu beschäftigen. Meiner Auffassung nach sind das nämlich nur zwei Seiten einer Medaille.


Wenn du magst, kannst du dich ja mal mit dem Vergleich von „Erwachsenen-Merkmalen“ von Hochsensibilität und Hochbegabung beschäftigen. Oder dich einfach auf den zweiten Teil dieses Artikels von mir freuen, in dem ich mich ausschließlich mit Erwachsenen beschäftigen werde.

Bis zum nächsten Artikel grüßt dich

Eliane

*Die Quelle des Zitats findest du hier

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